In den Wagenhallen!
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Musikliebhaber, die sich ungern auf ein bestimmtes Genre beschränken, sondern sich lieber an offenen Klangwelten berauschen, haben eine neue Einstiegsdroge bekommen: We invented Paris mit ihrem gleichnamigen Debütalbum.
Das Künstlerkollektiv um das Schweizer Multitalent Flavian Graber spielte bereits 70 erfolgreiche Konzerte in wechselnder Besetzung bevor die Projekt-CD überhaupt erschien und uns vollends glücklich machte.
In nicht mal einer Stunde Spielzeit wird geboten, wofür andere Bands drei Alben bräuchten. Diese Vielseitigkeit wirkt dabei zu keiner Zeit unentschlossen. Alle Songs haben ihre ganz eigene Berechtigung, bauen sich auf, variieren innerhalb ihrer kurzen Lebensdauer und sind doch alles andere als überladen.
We invented Paris schaffen es mit ihrem großartigen Album ohne Anstrengung, dass man seine Koffer packen und verreisen möchte, nach Nimmerland oder nach Paris ...
Singer-Songwriter gibt es wie Sand am Meer, junge Männer meist, die ihr Empathievermögen so lange ausreizen, bis Gitarrenakkorde und Gefühlsreime leidlich verschmelzen. Die Kunst aber, in der Stille des Moments zu reden, statt sich nur zu äußern, bleibt einigen wenigen vorbehalten. Singer-Songwritern wie Moritz Krämer. Auf seinem Debütalbum "Wir können nix dafür" findet das Milchgesicht mit der brüchigen Stimme textlich wie klanglich eine Sprache, wo Minnesänger und PR-Poeten nur Stellschrauben suchen. Und er verleiht ihr eine Erhabenheit, deren Diphthongspreizung den Tiefsinn nicht nur immer weiterführt, sondern, wie im anrührenden "Alle raus hier", "waheitah, waheitah, waheitah!" Dabei ist Krämer weder Dadaist, noch betreibt er Zweisamkeitsapotheosen, er vesteht es nur, jeder Silbe die Wucht ganzer Strophen zu geben. Seine zwölf fließenden bis treibenden Alltagsballaden mögen von gebrochenen Vogelrippchen über Mutterliebe und das Leben in WGs bis hin zur Befürchtung reden, immer ficken zu müssen - es gerät nie pathetisch. Im Gegenteil. "So ein kitschiger Himmel", singt Moritz Krämer in "90minuten", "dass er mir die Stimmung versaut."
Man kann auch mit beiden Beiden auf der Erde melancholisch sein. (Jan Freitag, Die ZEIT)